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Freitag, 23. Dezember 2011
Joachimstraße
klagefall
19:05h
![]() Im September 1990 kam ich nach Berlin. Im September 1990 war das kleine Land nicht mehr so richtig da und das große Land noch nicht. Ich fuhr in die große Stadt und bekam einen gelben Studentenausweis aus Pappe und einen Ermäßigungsschein für die Deutsche Reichsbahn, falls ich mal in die kleine Stadt zurückfahren wollte. Es gab nur ein Problem - ich hatte keine Wohnung. Ich hatte nur eine Unterkunft, ein Bett in einem Viermannzimmer in einem Studentenwohnheim im Hans-Loch-Viertel in Friedrichsfelde. Achter Stock, 20 Minuten Fußmarsch vom vom U-Bahnhof »Tierpark«. Erinnerte ein bisschen an meine Kaserne und war nicht gerade mein Traum. Es musste also eine Wohnung her. Es gab genug freie Wohnungen in Ostberlin, es waren in den letzten Monaten ausreichend viele Leute vom kleinen Land in das große Land umgezogen und noch niemand groß in entgegensetzter Richtung, aber es gab keine Wohnungsverwaltung. Jedenfalls keine Wohnungsverwaltung, die mir eine Wohnung geben wollte. Ich musste also selbst eine Wohnung suchen. Zufälligerweise hatte jemand gerade eine Wohnung gefunden, obwohl er eigentlich schon eine Wohnung hatte (die Wohnungssuche war ihm zur Gewohnheit geworden) und so bin ich da eingezogen, ein neues Schloss einbauen, einen leeren Keller für die Kohlen suchen, Strom und Gas anmelden und fertig. Ein Bett hatte ich von zuhause mitgebracht und für den Rest standen genug Möbel auf der Straße. Dort lagen auch Kohlen herum. Ich hatte einen Schwarzweißfernseher mit Zimmerantenne und nur einem Programm, aber immerhin Westfernsehen. Die Wohnung war eigentlich baupolizeilich gesperrt und wahrscheinlich deshalb unbewohnt. In meinem Zimmer hing die Decke ein bisschen durch und ich habe das Bett sicherheitshalber ganz an den Rand gestellt. Ansonsten war es luxuriös, es war hell, es gab ein Innenklo, das über den Flur entlüftet wurde und es gab ein Waschbecken in der Küche. Es war meine erste eigene Wohnung. In Mitte! Ich konnte zu Fuß zum »Babylon« und zum Hackeschen Markt laufen und in der Bernauer Straße war gleich hinter der Mauer ein Aldi. Ich war ein Glückspilz. Aus dem Fenster zum Hof guckte ich auf einen Spielplatz. Damals war noch alles voller Kinder, doch dann zogen die Leute aus dem großen Land nach Mitte und machten Kneipen auf und Galerien und die Kinder waren erstmal verschwunden. Inzwischen sind die Leute mit den Galerien und den Kneipen alle Eltern geworden und die Kinder wieder da. Neulich war ich nochmal auf dem Spielplatz, um mal in die andere Richtung zu gucken. Das Flurfenster stand offen. ... Link (0 Kommentare) ... Comment Montag, 19. Dezember 2011
Trelleborg
klagefall
20:09h
Willst du eine wirklich schöne Stelle wissen? Einen schönen Platz auf der Erde? Ja? Dann verrate ich dir jetzt etwas.
Dort kommst du sehr einfach hin. Du musst nur nach Trelleborg fahren und das macht ja nun wirklich fast jeder, der nach Schweden fährt oder aus Schweden wegfährt. In Trelleborg gibt es einen großen Hafen für die großen Fähren. Sonst gibt es dort nicht so viel, sagen manche, die sich bloß beeilen, um aus Trelleborg schnell wegzukommen. »Trelleborg luktar skit«, sagen die Schweden, die Trelleborg nicht so schön finden, aber das übersetze ich lieber nicht. Mein erster Schwedischlehrer schwärmte uns von den Zimtschnecken an der Shelltankstelle vor, aber stell dir mal vor, du sollst deine Stadt beschreiben und das erste, was dir einfällt, ist eine Tankstelle. Nicht gerade schmeichelhaft, oder? Also, wenn du mal in Trelleborg bist, fährst du am besten gleich zum Parkplatz vor dem Maxi ICA in der Strandridaregatan. Dort kannst du dir Schokolade kaufen oder Lakritz oder Eis oder Wurst mit Kartoffelmus und Gurkensalat (das nehme ich) und dann auf eine Bank am Wasser setzen. Die Ostsee liegt hier im Süden, was irgendwie komisch ist und sie ist meistens ganz still und riecht ein bisschen nach Tang und dem Hafen. Du kannst die Schiffe sehen, die einen kommen an und die anderen fahren weg. Losfahren und Wiederkommen, das sind zwei schöne Momente. Aber währenddessen nicht die Zeit vergessen! Es geht gleich weiter. Hast du auch einen Lieblingsplatz? ... Link (6 Kommentare) ... Comment Montag, 12. Dezember 2011
Support Your Local Heroes
klagefall
07:21h
Man kann Fußball im Fernsehen gucken. Im Fernsehen kommt immerzu Fußball. Die Bundesliga spielt freitags, samstags, sonntags, montags kommt nochmal zweite Liga im DSF oder wie das jetzt heißt, dienstags und mittwochs ist Champions League und donnerstags das, was früher UEFA-Pokal hieß und davor Messestädte-Pokal und jetzt einen Namen hat, den ich mir nicht merken kann. Und wer will, kann auch noch englische Liga gucken oder spanische oder japanische oder die U-17-Asienmeisterschaft, wenn sonst tagsüber gerade kein Fußball kommt. Dafür gibt es extra die Zeitverschiebung.
Ich gehe lieber zum Fußball. Meine Heimatmannschaft spielt sechste Liga. Das Stadion ist mit dem Fahrrad zehn Minuten weg, Eintritt kostet vier Euro und es gibt einen Bierwagen mit Grill. Man trifft nette Leute und ist an der frischen Luft. Es gibt keine Zeitlupe, aber wer braucht schon eine Zeitlupe? Es war sowieso kein Abseits. Ab und zu versuche ich, mit dem Schiedsrichter eine Regeldiskussion zu beginnen oder einem Spieler der gegnerischen Mannschaft meine Meinung zu seiner Spielweise mitzuteilen. Meistens hören sie nicht auf mich, obwohl ich mich deutlich und zugespitzt ausdrücke. Neulich bin ich auswärts gefahren. Wir standen in Rostock auf einem Sportplatz an der Stange, der schon bessere Zeiten erlebt hat, es war so neblig, dass man kaum die Tore sah und es waren 65 Zuschauer da. Ein paar Kilometer weiter spielte Hansa gegen St. Pauli. Bei uns war es etwas ruhiger. Dafür haben wir gewonnen. ... Link (2 Kommentare) ... Comment Sonntag, 4. Dezember 2011
Utedusch
klagefall
22:41h
Patrick hatte einen riesigen roten Volvo, machte irgendwas im Außendienst und hatte für den dunklen skandinavischen Winter eine Ferienwohnung in Thailand. Er redete für einen Schweden ungewöhnlich viel, sprach värmländischen Dialekt und meinte offenbar, ich würde alles verstehen. Patrick war richtig stolz auf sein Ferienhaus. »Es liegt mitten im Wald und der IKEA ist nur 800 Meter weit weg.« Wir mussten also das Gepäck zu Fuß zum Häuschen schleppen und den IKEA hinter den Bäumen an der E 18 sah man zum Glück nicht. Obwohl es ein reizvoller Gedanke war, mal einen Nachmittagsspaziergang dorthin zu machen.
Aber das Beste hatte sich Patrick noch aufgehoben. Das Ferienhaus hatte eine Außendusche. »Es gibt nichts Besseres, du kommst vom Sport oder vom Schwimmen (die Schweden sind Sportfanatiker, aktuell war dort gerade Frisbeegolf, hatte ich auch noch nie gehört) und dann kannst du an der frischen Luft duschen, das warme Wasser kommt von oben und du bist trotzdem draußen! Herrlich!« Er zeigte mir voller Begeisterung die Armatur hinter dem Holzverschlag und den Boiler. Und wirklich, es gibt kaum etwas Schöneres, als an einem sonnigen Tag unter freiem Himmel unter der Dusche zu stehen, danach mit einem Handtuch im Freien herumzuspringen, die Füße auf dem warmen Felsen und dabei auf den Vänern zu gucken. Patrick hatte völlig recht. Sogar ohne Sport. ... Link (0 Kommentare) ... Comment Mittwoch, 21. September 2011
Als wir Piraten waren
klagefall
21:40h
Musik war ein großes Problem. Es gab keine Musik, also wenn man nicht gerade Klassik hörte. Die eine Hälfte gab es nicht und die andere Hälfte war verboten, so ungefähr. Alle zwei Wochen gab es neue Lizenzplatten im Geschäft in der Steinbeckerstraße. Wir gingen nach der Schule da hin, mit einem Zwanzigmarkschein in der Tasche und stellten uns an. Um drei machte der Plattenladen wieder auf und wir kauften, was es eben so gab, für 16,10 Mark. Die zehn Pfennig waren der Kulturgroschen, deswegen der komische Preis. Auf diese Weise kam ich zu Barcley James Harvest und Vangelis. Nicht, dass ich das je gehört hätte.
Es gab aber Kassetten. Eine C60 von ORWO kostete 20 Mark, keine Ahnung, warum die so teuer waren. Kassetten kauften wir deshalb lieber im Intershop von dem Geld, das der Westbesuch dagelassen hatte. Eine Neunziger für 3,50 West. Da gab es auf einmal auch Auswahl: Chrome oder Ferro, den Unterschied habe ich nie ganz verstanden. Etwas mit dem Klang oder den Bässen oder so. Anschließend wurde überspielt, die Platten aus dem Westen, die Platten aus der Tschecheslowakei, die Platten aus Bulgarien. Bei Bulgaroton gab es sogar das »White Album«, glaube ich. War aber eine weite Reise. Wer richtig Geld hatte, konnte in Ungarn alles kaufen, zum Gulaschkommunismus gehörten offenbar auch Westplatten. Abgedrehter war es da nur noch, Platten aus Rumänien oder von Melodija zu haben. Die Russen hatten so durchsichtige schlapprige Singles aus hellplauer Plaste. Und Polen war damals schon zu, wegen Solidarność. Czesław Niemen zu hören, war also auch eine Art Untergrund. Musik war kein Problem. Es gab genug Musik. Man brauchte nur Kassetten, ein Überspielkabel und Zugang zu den richtigen Leuten. Den Leuten mit den Platten. Alle anderen mussten von Kassette überspielen, mit Überspielkabel oder besser im Doppeldeck, von einem, der auch von Kassette überspielt hatte und so weiter und so fort. So entstanden die rumpeligen verrauschten Aufnahmen von Udo Lindenberg, die auf dem Schulhof liefen. Schließlich hatten sie beim Radio ein Einsehen und erfanden »Duett – Musik für den Rekorder«, um den Leuten das Aufnehmen leichter zu machen. Wir haben die Musik kopiert. Heutzutage würde man dafür wahrscheinlich ins Gefängnis kommen oder sie stellen einem das Internet ab. »Ich brauche keine Wiedervereinigung. Ich will nur meine Musik hören und den ›Metal Hammer‹ lesen können, das reicht mir«, sagte der Soldat auf meiner Stube, als er sein Parteibuch zurückschickte und dabei fast zu weinen anfing. Musik war ein großes Problem. ... Link (0 Kommentare) ... Comment ... Nächste Seite
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Man muss sich ein Weblog als ein Notizbuch vorstellen, das nicht verlorengehen kann. Seit 925 Tagen glücklich auf Antville.
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gerade gelesen »den ball
über die linie schreiben«. fänd ich auch mal gut.
by fabe (18.04.12 23:03)
JA! Magisch!
by flohbude (12.04.12 11:00)
Für Ostdeutschland ist Rostock-Gedser immer
noch die schnellste Verbindung, Berlin-Kopenhagen mit Bus die günstigste.
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