Klagefall
Donnerstag, 26. März 2015
Halbfinale

Das Spiel beginnt um 2 Uhr morgens. Ich habe mir versprochen, dass ich aufstehen werde, wenn sie ins Halbfinale kommen, aber bringe es trotzdem nicht fertig, den Wecker zu stellen. Um zehn nach zwei werde ich wach und setze mich vor den Stream. Südafrika darf wählen und schlägt zuerst. Amla und de Kock gehen schnell, schon im Powerplay, aber du Plessis und Roussow setzen sich fest und bauen das Innings auf. Vor allem du Plessis spielt sehr sicher, als wolle er bis zum Schluss bleiben. Um halb fünf fangen die Vögel vor dem Fenster an zu singen. Im 27 Over kommt de Villiers und treibt zusammen mit der Nummer 3 den Score bis 216/3, bis es in Auckland zu regnen beginnt. Das Spiel wird unterbrochen und ich lege mich um halb sechs wieder hin. Eine Stunde später gehe ich nachsehen, das Spiel wird auf 43 Over gekürzt und geht weiter. Gleich der zweite Ball von du Plessis wird gefangen. Um mich zu beruhigen, gehe ich duschen und decke den Frühstückstisch. Inzwischen macht Miller aus 23 Bällen 49 Runs und danach kommt noch Duminy, der den Score auf 281 schiebt. De Villiers geht mit 65 Runs not out vom Platz. Nach Duckworth-Lewis muss Neuseeland 298 Runs in 43 Overs machen und obwohl der Platz klein ist, eine Run-Rate von fast sieben sollten Steyn, Morkel und Tahir verhindern können. Im Viertelfinale hatte Südafrika gerade Sri Lanka für 133 Runs komplett ausgeworfen.

Neuseeland spielt alles oder nichts, McCullum schlägt jeden Ball, 32 Minuten, 12 Boundaries, 59 Runs, ehe er gestoppt ist. Ich fahre den Rechner herunter, gehe frühstücken und ziehe mich an. Bevor ich zur Arbeit fahre, sehe ich doch noch einmal nach, inzwischen ist das zweite Wicket gefallen, aber Steyn geht verletzt vom Platz und bleibt erstmal draußen. Im Büro sind im 22. Over schon vier Neuseeländer für 149 Runs raus, genau die Hälfte. Ich muss zum Termin. Den Rechner lasse ich an und die Seite offen. Um halb zwölf bin ich zurück, wische mit der Maus über den Schreibtisch, der Bildschirmschoner verschwindet und da steht New Zealand won by 4 wickets (with 1 ball remaining). Ich schaffe es noch, die letzten beiden Over im Ticker nachzulesen, beim siebtletzten Ball hatten sie Elliot fast raus, aber den Ball verloren, aus dem letzten Over braucht Neuseeland noch zwölf Runs, nach zwei Bällen noch zehn. Steyns Oberschenkel muss minutenlang auf dem Platz behandelt werden. Dann macht Vettori, selbst ein Bowler, eine Vier und ein Bye. Elliot kommt dadurch wieder an den Schlag und hämmert den vorletzten Ball über die Boundary, sechs Runs und das Spiel ist vorbei. Es ist nicht zu fassen. Ich bin froh, dass ich das nicht live verfolgen musste. Südafrika weint, diese Mannschaft hätte Weltmeister werden können, es war ihre beste Zeit. In vier Jahren wird es dieses Team nicht mehr geben.

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Montag, 12. Januar 2015
Dezember/Januar

Von Nordwest zieht ein Sturmtief nach dem anderen durch. Der November ist sehr lang in diesem Jahr.

Nachts träume ich von meinen Akten, ich sehe zwei neue Rechtsprobleme, zwei Freibauern, die einfach bis zur Grundreihe durchziehen, ohne aufgehalten zu werden. Am Morgen wundere ich mich, wie banal das ist. Ich fahre zwei Tage früher aus Leipzig zurück, ohne Herrn F. zu treffen und schleiche mich wieder an den Schreibtisch. Important Bird Area, Pufferzone, substantiell Raum geben, wegwägen. Rote Liste, Kategorie 0: ausgestorben oder verschollen – wer es dahin geschafft hat, steht ganz oben in der juristischen Hackordnung.

Radio Free Americana, The Lake Radio. Als ob dir jemand seine Plattensammlung zeigt. Ich räume die Blogroll auf und lese mich fest. Als ob dir jemand sein Tagebuch gibt.

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Donnerstag, 25. Dezember 2014
Rostock, Gedser, Malmö

Westliche Ostsee: West 7 bis 8, vorübergehend nordwestdrehend, abnehmend 6, anfangs teils schwere Schauer- und Gewitterböen, See 2 bis 4 Meter.







In der Nacht gab es Sturm, die Fähre verspätet sich. Im Rostocker Stadthafen liegt die M/S Trelleborg fest, anstatt ihren Dienst auf der Königslinie zu tun. Nur deshalb sind wir hier.

Mit Ausnahme der beiden Brücken nach Farø ist die Strecke zwischen Gedser und Kopenhagen an einem tristen Dezembertag auf eine unglaubliche Weise eintönig. Wenn die Dänen das glücklichste Volk der Welt sind, muss das eine Trotzreaktion sein.

Der Akademibokhandeln ist ins Triangeln gezogen, Hamrelius bokhandel ins Caroli. Damit sind alle Buchläden in Malmö in Shoppingmalls ausgewandert und das Stadtzentrum ist literaturfrei.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Gustavs Adolfs torg ist nur eine Bühne, ein Kinderkarussell, ein paar Holzbuden und hunderte Fackeln. Es regnet ein bisschen und so ist es sehr schön.

Der Maxi ICA im Westhafen nimmt die Mariestads-Flaschen, die ich im vorletzten Sommer mit E. ausgetrunken hatte, nicht mehr zurück. Die Musikabteilung ist auf ein winziges Regal geschrumpft. Alla har ju spotify.

- Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
- Nicht seekrank zu werden!

Am Abend ist der Sturm zurückgekehrt. Die Böen ruckeln am Schiff. Wintersonnenwende.

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Mittwoch, 24. Dezember 2014

Als wir an der Ostküste am Steilufer einen Rastplatz fanden, mit einem betonierten Tisch aus diesen grauen Gehwegplatten, dachte ich an meine Zeit in der Telefonzentrale der Volksmarine Peenemünde. Damals war die Greifswalder Oie militärisches Sperrgebiet und ich erinnerte mich an ein Gespräch mit einem armen Matrosen, der wegen des Sturms seinen Heimaturlaub absagen musste. Hier hatte er auch manchmal gestanden und auf das Meer hinausgesehen, dachte ich.

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Samstag, 20. Dezember 2014
Einberufung

Und dann stand ich ganz allein auf dem Hof des Wehrkreiskommandos.

Es war der 1. November 1989. Ich war frühmorgens mit dem Bus nach Ribnitz gefahren, den Einberufungsbefehl zum Ehrendienst in der Tasche, um für die kommenden 18 Monate Personalausweis und Zivilkleidung gegen eine Hundemarke und eine Uniform einzutauschen. Kein guter Tausch, aber immerhin: gegen eine blaue Uniform.

Eigentlich war ich für eine grüne Uniform vorgesehen: Bereitschaftspolizei in Stralsund. Nicht nur, dass die Uniformen hässlich waren, die Leute auf der Straße hielten dich auch noch für einen Volkspolizisten statt für das arme Schwein, das seinen Grundwehrdienst machen musste. Aber vor ein paar Wochen hatten sie mich noch mal einbestellt, »zur Klärung eines Sachverhalts«, in das Wehrkreiskommando, auf dessen Hof ich jetzt stand. Ich hätte die Sache mit meinem Bruder ja sicher gehört und obwohl es ja kein politischer Antrag sei, sondern aus ... humanitären Gründen, würde ich doch sicher verstehen, dass ich unter diesen Umständen - und das sei keine Sippenhaft - natürlich nicht, aber eben doch eine enge familiäre Bindung ... nicht mehr zur Bereitschaftspolizei, die doch in mancherlei Hinsicht besondere Anforderungen ... jedenfalls sei ich jetzt für die Volksmarine vorgesehen. Ich war nicht gerade unglücklich über diese bürokratische Wendung, machte aber sicherheitshalber trotzdem ein ernstes Gesicht.

Und jetzt stand ich auf dem Hof, in der Jacke der Personalausweis, zwischen den Füßen die Sporttasche mit meinen Sachen. Alle anderen waren schon aufgerufen worden und in ihre »Einheiten weggetreten«. Offenbar war ich versehentlich aus der grünen Liste gestrichen und in die blaue Liste noch nicht aufgenommen worden. Für eine Sekunde glomm die vage Hoffnung auf, irgendwie durchgeschlüpft zu sein. Der Offizier kam auf mich zu.

- Wer sind Sie denn?
- Also wenn ich nicht gebraucht werde, kann ich auch wieder gehen.
- Ihren Namen, Genosse!

Es war ganz klar nicht der richtige Zeitpunkt, um Witze zu machen. Der Offizier ging in sein Büro und nach fünf Minuten stand ich bei den anderen armen Schweinen, die zum Rügendammbahnhof fuhren und dann auf den Dänholm marschieren mussten, um die blaue Uniform anzuziehen.

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Man muss sich ein Weblog als ein Notizbuch vorstellen, das nicht verlorengehen kann und das niemand findet. Seit 1972 Tagen glücklich auf Antville.
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