Klagefall
Mittwoch, 29. Oktober 2014
Auf dem Xiangqi-Server

Ich habe, zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen sehr glücklich, eine Gewinnstellung bekommen und einen Zug vor dem Matt lässt der Schwarze einfach seine Bedenkzeit ablaufen. Neun Minuten, in denen ich am Brett bleiben muss. Ich habe nur noch Sekunden auf der Uhr und muss deshalb sofort auf seinen Zug reagieren können. Neun Minuten lang warten. Vielleicht wollte mir keigo27 eine Zen-Übung verschaffen? Danke, Keigo!

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Dienstag, 28. Oktober 2014

Einem Baseballspiel zuzusehen, ist die perfekte Art, einen Spätsommersamstagnachmittag zu verbringen. Der Ballpark liegt am Stadtrand, 20 Minuten mit dem Fahrrad, dahinter beginnt der Wald. Das Spiel plätschert vor sich hin, die Leute sitzen auf den Bänken oder im Gras und sprechen über die Regeln, das Inning und über den Sommer. Auf dem Grill liegen Seitanwürstchen und Steaks friedlich nebeneinander. Ab und zu schlägt jemand einen Hit und einmal holt der Hund den Ball im Foul Territory aus den Büschen. Wir sind im Finale.

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Dienstag, 21. Oktober 2014
Heda! Waffen, Waffen!



Oskar Kanehl wird am 5. Oktober 1888 in Berlin geboren. 1908 macht er Abitur und studiert sieben Semester vor allem Philosophie und Deutsch an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Seine Dissertationsschrift wird in Würzburg wegen kirchlichen Anstoßes abgelehnt.

Deshalb immatrikuliert sich Kanehl 1911 am Germanistischen Institut der Königlichen Universität Greifswald. Er promoviert hier am 9. November 1912 cum laude. Seine Dissertation erscheint ein Jahr später als Buch: Der junge Goethe im Urteil des jungen Deutschland. Die Mitarbeit an den Greifswalder Hochschulblättern beendet Oskar Kanehl, die Blätter sind politisch neutral, er ist es nicht. Kanehl zieht vor die Stadt ins Fischerdorf Wieck und bekommt Lust, eine Bombe ins schwarze Ketzernest Greifswald zu werfen. Eine Zeitschrift.

Am 16. Juli 1913 erscheint die erste Nummer des Wiecker Boten. Bis zum Verbot im Sommer 1914 wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften erscheinen elf weitere. Das Blatt findet Beachtung: Die lokale Presse schäumt, die Universität kündigt der Druckerei des Wiecker Boten alle Aufträge, Kanehl erhält von Greifswalder Korpsstudenten mehrere Aufforderungen zum Duell. Alles endet erst dann, als Oskar Kanehl 1914 zum Kriegsdienst einberufen wird.

Der Titel der Zeitschrift soll Programm sein: Weg vom bürgerlichen Leben, hin zum Meer, zu den Fischern. Der Wiecker Bote steht außerhalb der Stadtmauern, vor den Toren. Er wird Teil der Unzahl expressionistischer Zeitschriften dieser Jahre, beeinflusst vor allem von Franz Pfemferts Die Aktion. Das Blatt bringt Gedichte, Aufsätze, Rezensionen und Beiträge zum Hochschulleben in Deutschland. Dem Greifswalder Philosophen Johannes Rehmke wird ein Sonderheft gewidmet. Gottfried Benn, Paul Boldt und Georg Heym werden besprochen, Kanehls Verbindungen bringen Texte von Albert Ehrenstein, Max Hermann-Neisse und Else Lasker-Schüler nach Pommern. Aus dem Autorenkreis der Studenten sind hervorzuheben: der Ostfriese Hermann Plagge, der den Krieg überlebte und 1918 beim Baden ertrank und der Germanist Hermann Joelsohn (später Hermann Borchardt), der 1930 mit Bertolt Brecht arbeitete und das Konzentrationslager überstand.

In Erfurt erscheint 1920 Steh auf, Prolet!, eine Sammlung politischer Gedichte. Die Kriegsgedichte Kanehls kommen erst 1922 unter dem Titel Die Schande. Gedichte eines dienstpflichtigen Soldaten aus der Mordsaison 1914-18 im Verlag der Aktion heraus – der Autor blieb als einer von wenigen Dichtern des expressionistischen Jahrzehnts ein Gefährte von Franz Pfemfert. Kanehl engagiert sich vorübergehend in der KPD, enttäuscht über kommunistische Parteidisziplin und Bonzentum danach in der Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (mit Franz Jung), der rätekommunistischen Allgemeinen Arbeiter-Union und schließlich im Spartakusbund Nr. 2. 1928 veröffentlicht er in dessen Verlag seinen letzten Gedichtband Straße frei. Sein Brot verdient Kanehl als Dramaturg und Regisseur an den Berliner Theatern von Fritz und Alfred Rotter. Am 28. Mai 1929 stürzt er aus dem Fenster seiner Wohnung in der Berliner Kantstraße.

Oskar Kanehl ist heute vergessen. Niemand singt mehr sein Wir sind die erste Reihe. Das deutsche Verlagswesen hat ihn nicht mehr zur Kenntnis genommen.

(1995/2014)

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Mittwoch, 8. Oktober 2014
Lina Ekdahl: Was willst du

Warum kommst du her. Warum bist du hier. Was machst du. Was machst du hier. Wer bist du. Wie heißt du. Was willst du. Warum stehst du hier. Woran denkst du. Was wünschst du dir. Was willst du. Warum stehst du hier. Worauf wartest du. Wie heißt du. Wo ist deine Mama. Wo ist dein Papa. Wo arbeitet er. Wo arbeitest du. Was willst du. Was isst du. Isst du Fleisch. Isst du Fisch. Isst du scharf. Isst du fad. Bist du gesund. Was für Krankheiten hast du. Was für Krankheiten hast du gehabt. Kannst du lesen. Kannst du schreiben. Kannst du pfeifen. Was für Sprachen kannst du. Kannst du Finnisch sprechen. Englisch. Deutsch. Portugiesisch. Verstehst du Dänisch. Was willst du. Welche Kleidung magst du. Interessierst du dich für Sex. Bist du traurig. Was machst du. Warum stehst du hier. Warum sagst du nichts. Was willst du. Was machst du gern in deiner Freizeit. Magst du baden. Schwimmen. Tauchen. Auf einen Berg klettern. Krabben fangen. Krebse. Was willst du. Fährst du Ski. Bist du aus Skåne. Gästrikland. Småland. Jämtland. Woher kommst du denn. Was ist deine Lieblingsfarbe. Warum denn. Was willst du. Wie heißt dein bester Freund. Wo wohnst du. Wer bist du. Was machst du. Was willst du. Bist du verliebt. In wen denn. Was willst du. Wie heißt er. Sie. Warum stehst du hier. Wann bist du hergekommen. Bist du hungrig. Willst du Kuchen haben. Willst du Prügel haben. Willst du einen Schwanz haben. Willst du Spaß haben. Was willst du. Warum lachst du nicht. Wer bist du. Wo wohnst du. Warum stehst du auf. Woran denkst du. Was willst du. Machst du Kunst. Lieder. Musik. Spielst du ein Instrument. Reist du gern. Woher kommst du. Bist du froh. Warum lachst du nicht. Wann bist du hergekommen. Wann fährst du. Was willst du. Was kostest du. Wer bezahlt. Wieviel isst du. Wie geht es deinen Zähnen. Dem Magen. Den Nerven. Was willst du. Wer soll bezahlen. Wo wohnst du. Wo schläfst du. Wer bist du. Was willst du. Mich. Uns. Warum bist du hergekommen. Weißt du wer du bist. Warum nicht. Was willst du. Welche Krankheiten wirst du bekommen. Bist du kreativ. Was willst du. Bist du geil. Wann bist du hergekommen. Warum stehst du hier. Wie heißt du. Was willst du. Warum spielst du Theater. Wie lange willst du bleiben. Hast du Bettwäsche mit.

Übersetzt nach Lina Ekdahl: Vad vill du (Glänta 1/2014)

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Donnerstag, 2. Oktober 2014
Am Ende des Sommers II



Das Ende für die Königslinie rückt näher. Stena Line nimmt das zweite Fährschiff aus dem Verkehr und fährt nur noch einmal am Tag nach Trelleborg und das auch noch nachmittags. Aber was soll man abends um acht in Trelleborg?

Es ist einfacher, am Rand zu leben, wenn man an einer Route ist. Selbst als die Mauer noch stand, fuhr nachts um halb zwölf der Malmö-Express aus Berlin, war halb zwei in Greifswald und um drei am Hafen. Die Nachtfähre über die Ostsee kam um sieben in Schweden an und auch, wenn für uns spätestens in Sassnitz Schluss war, wir waren unterwegs nach Norden.

Als die Fährgesellschaft noch dem Staat gehörte, gab es fünf Abfahrten am Tag und einen Gewinn für den Finanzminister. Das nennt man wohl eine gelungene Privatisierung.

Dann nehmen wir einfach die nächste Fähre. Vorbei.

Auf dem Schreibtisch liegt eine Woche Göteborgs Posten, die ich jeden Morgen aus dem Brännö Handel geholt hatte. In den schwedischen Zeitungen ist noch ein Rest Volksheim übrig, etwas für alle: Kochrezepte, Lokalsport, Comics, Beschwerden über die rumpelnde Straßenbahn und unhöfliche Jugendliche, Geburtsanzeigen, Nachrufe, Patti Smith und Arthur Rimbaud, Sprachpolitik.

Wir haben einen neuen Kühlschrank. Das Eisfach ist jetzt unten, ich muss mich nicht mehr auf den Küchenfußboden setzen, um die Sachen für das Frühstück rauszuholen. Ein wenig vermisse ich diesen Moment am Morgen, kurz vor halb sieben im Halbschlaf auf dem Boden sitzend, das immergleiche Bild vor Augen.

Vom Vångavallen bis zum Fährterminal sind es genau 18 Minuten zu Fuß.

Erst dieses Ding mit Ello und dann war sogar Quitter einen Augenblick lang wachgeküsst. Netznomaden.

Achthundert Feeds im / Eingang, im Zeltsack noch der / Regen Göteborgs

Als der Bahnübergang in der Gützkower Straße endgültig geschlossen wurde, standen wir in der Kälte und sahen den Bauarbeitern zu, wie sie erst die Straße und schließlich die Fußgängerbrücke sperrten. Der Mann neben mir sagte, dieser Weg lasse sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen, seitdem sei man hier, an dieser Stelle, nach Berlin gefahren und jetzt nicht mehr.

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Man muss sich ein Weblog als ein Notizbuch vorstellen, das nicht verlorengehen kann und das niemand findet. Seit 1846 Tagen glücklich auf Antville.
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