Klagefall
Montag, 12. Januar 2015
Dezember/Januar

Von Nordwest zieht ein Sturmtief nach dem anderen durch. Der November ist sehr lang in diesem Jahr.

Nachts träume ich von meinen Akten, ich sehe zwei neue Rechtsprobleme, zwei Freibauern, die einfach bis zur Grundreihe durchziehen, ohne aufgehalten zu werden. Am Morgen wundere ich mich, wie banal das ist. Ich fahre zwei Tage früher aus Leipzig zurück, ohne Herrn F. zu treffen und schleiche mich wieder an den Schreibtisch. Important Bird Area, Pufferzone, substantiell Raum geben, wegwägen. Rote Liste, Kategorie 0: ausgestorben oder verschollen – wer es dahin geschafft hat, steht ganz oben in der juristischen Hackordnung.

Radio Free Americana, The Lake Radio. Als ob dir jemand seine Plattensammlung zeigt. Ich räume die Blogroll auf und lese mich fest. Als ob dir jemand sein Tagebuch gibt.

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Donnerstag, 25. Dezember 2014
Rostock, Gedser, Malmö

Westliche Ostsee: West 7 bis 8, vorübergehend nordwestdrehend, abnehmend 6, anfangs teils schwere Schauer- und Gewitterböen, See 2 bis 4 Meter.







In der Nacht gab es Sturm, die Fähre verspätet sich. Im Rostocker Stadthafen liegt die M/S Trelleborg fest, anstatt ihren Dienst auf der Königslinie zu tun. Nur deshalb sind wir hier.

Mit Ausnahme der beiden Brücken nach Farø ist die Strecke zwischen Gedser und Kopenhagen an einem tristen Dezembertag auf eine unglaubliche Weise eintönig. Wenn die Dänen das glücklichste Volk der Welt sind, muss das eine Trotzreaktion sein.

Der Akademibokhandeln ist ins Triangeln gezogen, Hamrelius bokhandel ins Caroli. Damit sind alle Buchläden in Malmö in Shoppingmalls ausgewandert und das Stadtzentrum ist literaturfrei.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Gustavs Adolfs torg ist nur eine Bühne, ein Kinderkarussell, ein paar Holzbuden und hunderte Fackeln. Es regnet ein bisschen und so ist es sehr schön.

Der Maxi ICA im Westhafen nimmt die Mariestads-Flaschen, die ich im vorletzten Sommer mit E. ausgetrunken hatte, nicht mehr zurück. Die Musikabteilung ist auf ein winziges Regal geschrumpft. Alla har ju spotify.

- Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
- Nicht seekrank zu werden!

Am Abend ist der Sturm zurückgekehrt. Die Böen ruckeln am Schiff. Wintersonnenwende.

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Mittwoch, 24. Dezember 2014

Als wir an der Ostküste am Steilufer einen Rastplatz fanden, mit einem betonierten Tisch aus diesen grauen Gehwegplatten, dachte ich an meine Zeit in der Telefonzentrale der Volksmarine Peenemünde. Damals war die Greifswalder Oie militärisches Sperrgebiet und ich erinnerte mich an ein Gespräch mit einem armen Matrosen, der wegen des Sturms seinen Heimaturlaub absagen musste. Hier hatte er auch manchmal gestanden und auf das Meer hinausgesehen, dachte ich.

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Samstag, 20. Dezember 2014
Einberufung

Und dann stand ich ganz allein auf dem Hof des Wehrkreiskommandos.

Es war der 1. November 1989. Ich war frühmorgens mit dem Bus nach Ribnitz gefahren, den Einberufungsbefehl zum Ehrendienst in der Tasche, um für die kommenden 18 Monate Personalausweis und Zivilkleidung gegen eine Hundemarke und eine Uniform einzutauschen. Kein guter Tausch, aber immerhin: gegen eine blaue Uniform.

Eigentlich war ich für eine grüne Uniform vorgesehen: Bereitschaftspolizei in Stralsund. Nicht nur, dass die Uniformen hässlich waren, die Leute auf der Straße hielten dich auch noch für einen Volkspolizisten statt für das arme Schwein, das seinen Grundwehrdienst machen musste. Aber vor ein paar Wochen hatten sie mich noch mal einbestellt, »zur Klärung eines Sachverhalts«, in das Wehrkreiskommando, auf dessen Hof ich jetzt stand. Ich hätte die Sache mit meinem Bruder ja sicher gehört und obwohl es ja kein politischer Antrag sei, sondern aus ... humanitären Gründen, würde ich doch sicher verstehen, dass ich unter diesen Umständen - und das sei keine Sippenhaft - natürlich nicht, aber eben doch eine enge familiäre Bindung ... nicht mehr zur Bereitschaftspolizei, die doch in mancherlei Hinsicht besondere Anforderungen ... jedenfalls sei ich jetzt für die Volksmarine vorgesehen. Ich war nicht gerade unglücklich über diese bürokratische Wendung, machte aber sicherheitshalber trotzdem ein ernstes Gesicht.

Und jetzt stand ich auf dem Hof, in der Jacke der Personalausweis, zwischen den Füßen die Sporttasche mit meinen Sachen. Alle anderen waren schon aufgerufen worden und in ihre »Einheiten weggetreten«. Offenbar war ich versehentlich aus der grünen Liste gestrichen und in die blaue Liste noch nicht aufgenommen worden. Für eine Sekunde glomm die vage Hoffnung auf, irgendwie durchgeschlüpft zu sein. Der Offizier kam auf mich zu.

- Wer sind Sie denn?
- Also wenn ich nicht gebraucht werde, kann ich auch wieder gehen.
- Ihren Namen, Genosse!

Es war ganz klar nicht der richtige Zeitpunkt, um Witze zu machen. Der Offizier ging in sein Büro und nach fünf Minuten stand ich bei den anderen armen Schweinen, die zum Rügendammbahnhof fuhren und dann auf den Dänholm marschieren mussten, um die blaue Uniform anzuziehen.

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Dienstag, 16. Dezember 2014
Wie ich einmal zweimal gegen Liu Dahua spielte

Im Sommer bekam ich eine Anfrage, ob ich am letzten Augustwochenende beim »1. World Xiangqi Open« in Berlin mitspielen wolle. Nun muss man wissen, dass klangvolle Bezeichnungen beim chinesischen Schach nicht ungewöhnlich sind, ich dachte mir also nichts weiter und sagte zu. Und so war ich einigermaßen überrascht, als ich beim Eintreffen im Chinesischen Kulturzentrum erfuhr, dass es sich um eine Art Mannschaftsweltmeisterschaft handeln sollte und unser Team in der ersten Runde gleich gegen die chinesische Nationalmannschaft spielen würde. So ähnlich muss sich Gibraltar bei den Qualifikationsspielen zur Fußballeuropameisterschaft fühlen.

Die Unterschiede zwischen China und dem Rest der Welt sind im Xiangqi riesig. Allein Vietnam kann einigermaßen mit den Chinesen mithalten, was zu lustigen Konsequenzen führt: Bei großen internationalen Turnieren werden in der Regel Extra-Preise für die besten »non-chinese-non-vietnamese« Spieler (die »Langnasen«) vergeben, die Nationalmannschaften werden weltweit vor allem von Exilchinesen gebildet und das stärkste Turnier ist nicht die auch Langnasen zugängliche Weltmeisterschaft, sondern die chinesische Einzelmeisterschaft.



Wie zum Beweis wurden am ersten Abend acht Langnasen für ein Blindsimultan gegen den chinesischen Großmeister Liu Dahua gesucht. Ich meldete mich natürlich. Liu Dahua ist eine Legende im Xiangqi. Er tritt im chinesischen Fernsehen auf, gewann mehrfach die chinesische Meisterschaft und hält den Weltrekord im Blindsimultan. Liu Dahua spielte acht Partien gleichzeitig, und das ohne Ansicht des Brettes. Er saß mit dem Rücken zu uns, ließ sich von einem Helfer reihum unsere Züge ansagen und sagte dann jeweils seine Erwiderung an, alles aus dem Kopf und natürlich auf Chinesisch. Das überwiegend chinesische Publikum schaute erst beeindruckt und andächtig zu, kam dann nach und nach zu unseren Tischen und fing an, über die Partien zu diskutieren, manche fuchtelten zur besseren Erläuterung sogar mit den Händen und Figuren auf unseren Brettern herum. Es entstand ein tosender Lärm, der Liu Dahua aber nicht weiter störte, er rief seine Züge einfach noch lauter in den Raum hinein. Die chinesische Schachkultur ist von unserer verschieden, man spielt nicht in abgedunkelten Hinterzimmern, sondern umringt von Publikum auf der Straße und Turniere finden auch schon mal in einer Shopping Mall statt. Am Ende verlor ich meine Partie, nur eine Langnase schaffte wenigstens ein Unentschieden.

Als ich am nächsten Tag nochmal gegen Liu Dahua spielen durfte, rechnete ich mir deshalb erst recht keine Chancen aus. Diesmal musste er nicht acht Partien gleichzeitig berechnen, sondern nur eine und die auch nicht im Kopf, sondern mit dem Gesicht zum Brett. Vielleicht unterschätzte er mich, vielleicht spielte ich aber auch besser ohne Lärm und mit genug Zeit zum Nachdenken, jedenfalls fing er in der Mitte der Partie an, etwas länger an seinen Zügen zu überlegen und ein paar Tricks zu versuchen. Ich hielt den Kampf lange im Gleichgewicht, aber auf den letzten Metern überwältigte mich die Aufregung (Hey, ich spiele gegen Liu Dahua!) und nach einem Anfängerfehler gab ich auf. Danach redete er auf mich ein und zum Glück fand sich jemand, der mir übersetzte, dass der große Liu Dahua mein Spiel gelobt hatte.

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Man muss sich ein Weblog als ein Notizbuch vorstellen, das nicht verlorengehen kann und das niemand findet. Seit 1914 Tagen glücklich auf Antville.
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