Klagefall
Freitag, 21. März 2014
Südtribüne

Die Südtribüne liegt im Schatten. Die Sonne in unserem Rücken dringt nicht durch diese graue Betonschüssel, aber der Wind tut es. Die Südtribüne ist Ultra-Land, keine Polizei, keine Ordner, straffe Selbstverwaltung. Im Fanzine zehn Verhaltensregeln: Schalpflicht, 90 Minuten Durchsingen, keine Fotos, so etwas.

Wir stehen auf den Stufen, ganz vorn sitzen die Capos mit Megaphon und sagen, was als nächstes kommt: Faust in die Luft, einhaken, singen, Polonaise, hinsetzen, aufstehen, Wechselgesang, pfeifen. Hier regiert der FCH, Ihr seid Wessis, Da steht ein Arschloch im Tor, Scheiß Sankt Pauli, Ostseestadion. Es ist eine Mischung aus Party und Nationaler Volksarmee.

Die Ultras haben den Support übernommen. Es gibt keine Kutten mehr. Aufstehen, Aufstehen! und das ganze Stadion steht auf. Die anderen hören auf uns. Der Support funktioniert unabhängig vom Spiel. Wenn wir schon Dritte Liga sind, sind wir wenigstens laut.

In der Pause stehe ich an den Kloschüsseln an. Die Sonne wärmt die Warteschlange. Der Capo achtet darauf, dass zur zweiten Halbzeit alle wieder im Block sind.

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Montag, 3. März 2014
Schönheit

Mit meiner Maus ist etwas nicht in Ordnung. Der Linksklick funktioniert nicht richtig. Oder der Muskeltonus im rechten Zeigefinger lässt nach.

Der Xiangqi-Server läuft mit Drag & Drop. Ich muss die Figur mit dem linken Mausklick anfassen, ziehen und dann wieder loslassen. Manchmal klappt das nicht, vor allem bei langen vertikalen Zügen.



Der Schwarze schlug mit seinem Pferd meinen Berater in der Palastmitte 马7进5. Ich hatte es gesehen. Ich war vorbereitet. Ich war ruhig. Rot kann nicht zurückschlagen, als nächstes würden sonst mein Elefant auf der siebten Reihe fallen und beide schwarzen Wagen in meinen Palast fahren, was nicht auszuhalten ist. Aber 车八进七 hielte alles gut zusammen, der Wagen bietet auf der schwarzen Grundreihe Schach, der zweite Wagen auf der Mittellinie fesselt den schwarzen Berater, die schwarzen Elefanten sind aus der Verteidigung entfernt und Schwarz muss seinen Wagen auf der vierten Reihe aus dem Angriff zurückziehen – Wagentausch, ich nehme danach sein Pferd und die Stellung ist mit Mehrfigur gewonnen.

Aber mit meiner Maus war etwas nicht in Ordnung. Der Wagen fiel mir schon nach drei Feldern aus der Hand. Ich erklärte es meinem Gegner im Chat: mouseslip check intended! und bot Remis. Irgendwo auf der Welt saß also vanphai01 vor seinem Bildschirm und antwortete nicht, sondern zog einfach weiter, vielleicht sprach er kein Englisch. Die Asiaten machen sowieso nie Remis. Aufhören gehört nicht zum Konzept dieses Spiels. Die Asiaten spielen immer weiter.

Es geht darum, etwas zu Ende zu bringen. Es geht um gute Form. Es geht um Schönheit. Ich habe den Moment verpasst.

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Donnerstag, 27. Februar 2014

Ich bin zur Piratenpartei nach Berlin gefahren, vielleicht will ich reden, was weiß ich. Sie hätten dort keinen Stammtisch, sondern eine Crew, aber heute seien sie eigentlich das Squad Literatur und schon lange sei kein Besuch mehr dagewesen. Wir sitzen um einen langen Holztisch in einem verhangenen, warmen Raum, im Eisenofen flackern ein paar Holzscheite. Tollwutbezirk liest mit seiner angenehmen Stimme vor, ab und zu fragt Fabio Reinhardt etwas, überhaupt scheint er den Abend zu moderieren. Oliver Höfinghoff sitzt am Ofen und sagt nichts, hört aber aufmerksam zu. Sie reichen das Buch herum und als ich an der Reihe bin, ist es so dunkel geworden, dass ich die Buchstaben fast nicht mehr erkennen kann. Ich will lieber etwas von mir lesen, aber sie lesen immer dieses Buch, so seien die Regeln. Ich muss los, mein Zug fährt. Afelia sagt, sie sei ja früher auch herumgefahren und habe andere Piraten besucht, wie schön! Sie sieht müde aus. Ich gehe vor die Tür. Von diesem Moment an würde ich nicht mehr zurückfinden.

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Dienstag, 28. Januar 2014
Im Januar



Die Bäume verraten den Wind.

Angesichts der Digitalisierung des Sturms die Erinnerung an den Lesesaal der Greifswalder Universitätsbibliothek. Rechts hinter der leise anschlagenden Doppelschwingtür der Tisch, über den die Bücherstapel geschoben wurden, der gelbe Pappausweis als Eintrittskarte, die Leihscheine ragten als Lesezeichen aus den Büchern heraus. Die Zeitschriften und Sammlungen des literarischen Expressionismus und mit den Notizen daraus nach unten zu den Zettelkatalogen und die nächsten Leihscheine ausfüllen. So begann es. Um 21 Uhr schloss der Lesesaal, dann mit dem Bus gerade noch rechtzeitig zurück ins Internat, über die bucklige Bahnhofstraße, die noch keine Autobahn geworden war.

Das Erstaunen darüber, dass es auch in Greifswald eine solche Zeitschrift gegeben hatte.

Ein paar rumpelnde unzulängliche Übersetzungen gemacht. Kein Mensch interessiert sich noch für Gedichte. Ich auch nicht.

Ein halbes Gigabyte E-Mails gelöscht.

Schöne Wörter: Kofferradio, astrein, Tollpatsch.

Plötzlich kam der Winter doch, der Wind drehte auf Ost und brachte den Schnee und der Frost sperrte die Stadt ein.

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Freitag, 24. Januar 2014
Tammy Ho Lai-Ming: Bilder

Es war eine Art Hütte, strohgedeckt. Draußen,
die Autos fegten vorbei, die Straße war immer frei.
Oder vielleicht war es keine Hütte, sondern ein Holzhaus.
Klein, ärmlich. Aus Stein möglicherweise?

Mit meinen Fachworten kann ich diese Stelle nicht wiederaufbauen;
es gibt keine Bilder mehr, um meine Zeichnung abzugleichen.
Ich war keine drei, Raum und Zeit erst halb bewusst.
Und meine Zwillingsschwester, jünger als ich,

sah wie ein Gangsta aus, trug Second-Hand-Schlafanzüge.
Einmal spielten sie mit den Dottern zerbrochener Eier,
eine Kalligraphie auf dem Zementfußboden. Davon haben wir ein Foto.
Es gibt keine Spur von mir auf diesem Familienbild,

aber ich war überzeugt, dass ich dort irgendwo sein musste,
in genau diesem Raum. Viele Jahre lang stellte ich mir vor,
wie ich hinter einem Schrank oder einem Besen stehe und
verzückt auf meine Schwester und ihr Spielzeug schaue:

Muscheln, Papierschnipsel, Staubflusen. Später erzählte man mir,
dass meine viel zu junge Mutter, sie war zweiundzwanzig,
es nicht mit drei Kindern zugleich in einem Haus schaffte
und mich in ein Dorf auf Mainland geschickt hatte.

Ich war nicht dort, als das Foto gemacht wurde.

Übersetzt nach Tammy Ho Lai-Ming: Frames.

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Man muss sich ein Weblog als ein Notizbuch vorstellen, das nicht verlorengehen kann und das niemand findet. Seit 1626 Tagen glücklich auf Antville.
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