Klagefall
Samstag, 31. Dezember 2011
das war


Sich in den Ecken verkriechen: Antville, Diaspora. Jemanden kennenlernen und jemanden aus den Augen verlieren. Das Glück, als das Lachen plötzlich zurückgekommen ist und der Witz. Den Formen folgen. Die Bilder sehen. Auf den Felsen von Hammarö ins Wasser rutschen. Den Ball über die Linie schreien. Unwichtige Dinge tun, sich irren, zögern, älter werden, langsam sein.

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Samstag, 24. Dezember 2011
Trelleborg (2)
Auf der Fähre werden im Bordshop Tomas Tranströmers Gedichte verkauft | Im Winter haben sie die Palmen reingebracht. An der Strandgatan stehen jetzt beleuchtete Weihnachtsbäume | »Den döende detektiven« bei Söderslätts Bok & Papper. Blaubeertorte bei Palmblads konditori. In der Algatan gibt es alles, was man braucht | Die großen Fährschiffe schauen direkt auf die Fußgängerzone | Ein kleiner Weihnachtsmarkt mit vier Buden. Es gibt Strickmützen und Doughnuts. Die anderen zwei haben geschlossen | In »Trelleborgs Allehanda« bringen sie eine Geschichte über den Weihnachtsbaumverkäufer. Er steht tatsächlich auf dem ICA-Parkplatz | Auf der Rückfahrt das ganze Schiff voller polnischer Arbeiter. Driving home for Christmas

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Freitag, 23. Dezember 2011
Joachimstraße


Im September 1990 kam ich nach Berlin. Im September 1990 war das kleine Land nicht mehr so richtig da und das große Land noch nicht. Ich fuhr in die große Stadt und bekam einen gelben Studentenausweis aus Pappe und einen Ermäßigungsschein für die Deutsche Reichsbahn, falls ich mal in die kleine Stadt zurückfahren wollte. Es gab nur ein Problem - ich hatte keine Wohnung. Ich hatte nur eine Unterkunft, ein Bett in einem Viermannzimmer in einem Studentenwohnheim im Hans-Loch-Viertel in Friedrichsfelde. Achter Stock, 20 Minuten Fußmarsch vom vom U-Bahnhof »Tierpark«. Erinnerte ein bisschen an meine Kaserne und war nicht gerade mein Traum.

Es musste also eine Wohnung her. Es gab genug freie Wohnungen in Ostberlin, es waren in den letzten Monaten ausreichend viele Leute vom kleinen Land in das große Land umgezogen und noch niemand groß in entgegensetzter Richtung, aber es gab keine Wohnungsverwaltung. Jedenfalls keine Wohnungsverwaltung, die mir eine Wohnung geben wollte. Ich musste also selbst eine Wohnung suchen. Zufälligerweise hatte jemand gerade eine Wohnung gefunden, obwohl er eigentlich schon eine Wohnung hatte (die Wohnungssuche war ihm zur Gewohnheit geworden) und so bin ich da eingezogen, ein neues Schloss einbauen, einen leeren Keller für die Kohlen suchen, Strom und Gas anmelden und fertig. Ein Bett hatte ich von zuhause mitgebracht und für den Rest standen genug Möbel auf der Straße. Dort lagen auch Kohlen herum. Ich hatte einen Schwarzweißfernseher mit Zimmerantenne und nur einem Programm, aber immerhin Westfernsehen.

Die Wohnung war eigentlich baupolizeilich gesperrt und wahrscheinlich deshalb unbewohnt. In meinem Zimmer hing die Decke ein bisschen durch und ich habe das Bett sicherheitshalber ganz an den Rand gestellt. Ansonsten war es luxuriös, es war hell, es gab ein Innenklo, das über den Flur entlüftet wurde und es gab ein Waschbecken in der Küche. Es war meine erste eigene Wohnung. In Mitte! Ich konnte zu Fuß zum »Babylon« und zum Hackeschen Markt laufen und in der Bernauer Straße war gleich hinter der Mauer ein Aldi. Ich war ein Glückspilz.

Aus dem Fenster zum Hof guckte ich auf einen Spielplatz. Damals war noch alles voller Kinder, doch dann zogen die Leute aus dem großen Land nach Mitte und machten Kneipen auf und Galerien und die Kinder waren erstmal verschwunden. Inzwischen sind die Leute mit den Galerien und den Kneipen alle Eltern geworden und die Kinder wieder da. Neulich war ich nochmal auf dem Spielplatz, um mal in die andere Richtung zu gucken. Das Flurfenster stand offen.

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Montag, 19. Dezember 2011
Trelleborg
Willst du eine wirklich schöne Stelle wissen? Einen schönen Platz auf der Erde? Ja? Dann verrate ich dir jetzt etwas.

Dort kommst du sehr einfach hin. Du musst nur nach Trelleborg fahren und das macht ja nun wirklich fast jeder, der nach Schweden fährt oder aus Schweden wegfährt. In Trelleborg gibt es einen großen Hafen für die großen Fähren. Sonst gibt es dort nicht so viel, sagen manche, die sich bloß beeilen, um aus Trelleborg schnell wegzukommen. »Trelleborg luktar skit«, sagen die Schweden, die Trelleborg nicht so schön finden, aber das übersetze ich lieber nicht. Mein erster Schwedischlehrer schwärmte uns von den Zimtschnecken an der Shelltankstelle vor, aber stell dir mal vor, du sollst deine Stadt beschreiben und das erste, was dir einfällt, ist eine Tankstelle. Nicht gerade schmeichelhaft, oder?

Also, wenn du mal in Trelleborg bist, fährst du am besten gleich zum Parkplatz vor dem Maxi ICA in der Strandridaregatan. Dort kannst du dir Schokolade kaufen oder Lakritz oder Eis oder Wurst mit Kartoffelmus und Gurkensalat (das nehme ich) und dann auf eine Bank am Wasser setzen. Die Ostsee liegt hier im Süden, was irgendwie komisch ist und sie ist meistens ganz still und riecht ein bisschen nach Tang und dem Hafen. Du kannst die Schiffe sehen, die einen kommen an und die anderen fahren weg. Losfahren und Wiederkommen, das sind zwei schöne Momente. Aber währenddessen nicht die Zeit vergessen! Es geht gleich weiter.

Hast du auch einen Lieblingsplatz?

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Montag, 12. Dezember 2011
Support Your Local Heroes
Man kann Fußball im Fernsehen gucken. Im Fernsehen kommt immerzu Fußball. Die Bundesliga spielt freitags, samstags, sonntags, montags kommt nochmal zweite Liga im DSF oder wie das jetzt heißt, dienstags und mittwochs ist Champions League und donnerstags das, was früher UEFA-Pokal hieß und davor Messestädte-Pokal und jetzt einen Namen hat, den ich mir nicht merken kann. Und wer will, kann auch noch englische Liga gucken oder spanische oder japanische oder die U-17-Asienmeisterschaft, wenn sonst tagsüber gerade kein Fußball kommt. Dafür gibt es extra die Zeitverschiebung.

Ich gehe lieber zum Fußball. Meine Heimatmannschaft spielt sechste Liga. Das Stadion ist mit dem Fahrrad zehn Minuten weg, Eintritt kostet vier Euro und es gibt einen Bierwagen mit Grill. Man trifft nette Leute und ist an der frischen Luft. Es gibt keine Zeitlupe, aber wer braucht schon eine Zeitlupe? Es war sowieso kein Abseits. Ab und zu versuche ich, mit dem Schiedsrichter eine Regeldiskussion zu beginnen oder einem Spieler der gegnerischen Mannschaft meine Meinung zu seiner Spielweise mitzuteilen. Meistens hören sie nicht auf mich, obwohl ich mich deutlich und zugespitzt ausdrücke.

Neulich bin ich auswärts gefahren. Wir standen in Rostock auf einem Sportplatz an der Stange, der schon bessere Zeiten erlebt hat, es war so neblig, dass man kaum die Tore sah und es waren 65 Zuschauer da. Ein paar Kilometer weiter spielte Hansa gegen St. Pauli. Bei uns war es etwas ruhiger. Dafür haben wir gewonnen.

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Last modified: 06.01.12 13:09
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danke
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Ein schöner Text
by Susanne Wiest (06.01.12 08:51)
das war Sich in den Ecken verkriechen: Antville, Diaspora. Jemanden kennenlernen und jemanden aus den...
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Trelleborg (2) Auf der Fähre werden im Bordshop Tomas Tranströmers Gedichte verkauft | Im Winter...
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Joachimstraße Im September 1990 kam ich nach Berlin. Im September 1990 war das kleine Land...
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Mit Goethen, aber Hauptsache, es ist an einem Fluss. Wie ich gerade feststelle (›Lieblingsplatz‹...
by klagefall (19.12.11 21:39)
Weimar, Park an der Ilm. Das ist weniger Schiff und weniger Zimtschnecke, dafür mehr…...
by effbiei (19.12.11 20:55)
Trelleborg Willst du eine wirklich schöne Stelle wissen? Einen schönen Platz auf der Erde? Ja?...
by klagefall (19.12.11 20:09)
Gucken oder gehen? Ich hoffe eher wieder auf Oberligafußball vor Ort.
by klagefall (12.12.11 09:49)
Bald... Kannst du sogar Hansaspiele gucken. Der Trend zeigt eindeutig gen Liga 6.
by FBMri (12.12.11 08:12)
Support Your Local Heroes Man kann Fußball im Fernsehen gucken. Im Fernsehen kommt immerzu Fußball....
by klagefall (12.12.11 07:21)
Utedusch Patrick hatte einen riesigen roten Volvo, machte irgendwas im Außendienst und hatte für den...
by klagefall (04.12.11 22:41)
Als wir Piraten waren Musik war ein großes Problem. Es gab keine Musik, also wenn...
by klagefall (21.09.11 21:40)
Vom Schweigen Ich bin jetzt auch bei Googleplus. Ich probiere alles aus. Googleplus ist der...
by klagefall (12.08.11 20:51)
Zudar Mit der Fähre fahren. Straße, Plattenstraße, Staubstraße. Die Kiefern kämmen den Nebel, der vom...
by klagefall (12.05.11 22:33)
Befreiung 1985 war ein gutes Jahr für mich. Die Mathematikolympiade fiel auf einen Mittwoch, der...
by klagefall (08.05.11 20:07)
Ostsee
by klagefall (01.04.11 23:03)
Im März Das Erregungspotential von Fukushima ist endlich. Die Aufmerksamkeit nimmt ab, je länger der...
by klagefall (31.03.11 15:47)
Liebe Familie Sabath, danke für Ihren Kommentar. Es freut mich, wenn Ihnen der Text gefällt....
by klagefall (13.03.11 08:06)
Dank! Vielen Dank für den schönen Nachruf! Auch wir, die Familie, erfahren noch immer neue...
by Vatis Sohn (11.03.11 20:16)
Eine Begegnung mit Wolfgang Sabath Diese Geschichte begann im vorletzten Herbst und sie dauerte nicht...
by klagefall (09.03.11 22:12)
Fische Die Ostsee hatte eine Flunder auf den Strand gespült. Sie zappelte und suchte einen...
by klagefall (13.02.11 19:50)
Weihnachtsmarkt
by klagefall (13.02.11 19:39)
Team building Jetzt bewegst du dich vorwärts (nur eine Sekunde Bedenkzeit), direkt zum Tisch, wo...
by klagefall (19.01.11 21:16)
Ein Barsch Den Schneckenbarsch kauften wir zusammen mit seiner Muschel. Er versteckte sich in der...
by klagefall (16.01.11 22:10)

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